Rede von Vira Smetanina am 24.02.2026, anlässlich einer Gedenkveranstaltung zum 4. Jahrestag des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine.
Liebe Kerpenerinnen und Kerpener, liebe Freundinnen uind Freunde der Ukraine, liebe Mitmenschen
heute stehen wir hier – vier Jahre nach dem Beginn des völkerrechtswiedrigen, russischen Angriffskrieges gegen mein Heimatland. Vier Jahre Krieg. Vier Jahre Angst. Vier Jahre Schmerz. Vier Jahre, die mein Leben und das Leben von Millionen Ukrainerinnen und Ukrainern für immer verändert haben.
Ich spreche heute zu Ihnen als Ukrainerin. Ich spreche zu Ihnen als Geflüchtete, Frau und Mutter. Und ich spreche zu Ihnen als gewählte Vertreterin im Integrationsausschuss dieser Stadt Kerpen – Einer Stadt, die mir Schutz gegeben hat, als mein eigenes Zuhause zerstört wurde.
Ich erinnere mich noch genau an die ersten Nachrichten, die wir nicht glauben wollten. Ich erinnere mich an den Moment, in dem ich wusste: Mein Leben wird nie wieder so sein wie vorher. Zurückgelassen habe ich meine Wohnung, meine Arbeit, meine Freunde – und vor allem Menschen, die ich liebe. Manche von ihnen leben heute nicht mehr.
Als ich nach Kerpen kam, war ich müde – nicht nur körperlich, sondern in meiner Seele. Ich hatte kein Zuhause mehr, keinen Besitz, keinen Plan. Alles, was mir geblieben war, war meine Familie und die Hoffnung, in Sicherheit zu sein.
Und hier habe ich etwas erlebt, das ich nie vergessen werde. Menschlichkeit. Offene Türen. Ehrenamtliche Herlferinnen und Helfer. Nachbarn, die nicht gefragt haben, woher ich komme, sondern gesagt haben: „Du bist jetzt hier. Du bist nicht allein.“
Dafür danke ich Ihnen. Von Herzen.
Doch heute stehe ich nicht nur hier, um Danke zu sagen. Ich stehe hier, um zu erinnern. Und um zu mahnen. Denn dieser Krieg ist nicht vorbei. Er ist kein Kapitel der Vergangenheit. Er ist unsere Gegenwart. Jeden Tag sterben Menschen in der Ukraine. Jeden Tag verlieren Kinder ihre Eltern. Jeden Tag werden Städte bombardiert, Schulen zerstört, Leben ausgelöscht. Und während wir hier stehen, warm eingepackt, in Sicherheit, verbringen andere Menschen diese Nacht in Kellern, auf der Flucht oder an der Front.
Der Angriffskrieg Russlands richtet sich nicht nur gegen die Ukraine. Er richtet sich gegen Europa, uns alle. Gegen Freiheit. Gegen Demokratie. Gegen das Recht eines Volkes, selbst über seine Zukunft zu entscheiden.
Ich weiß, dass viele müde geworden sind. Müde von Nachrichten. Müde von den Bildern. Müde vom Krieg.
Aber bitte – werden Sie nicht müde von Mitgefühl. Werden Sie nicht müde hinzusehen. Werden Sie bitte auch nicht müde klar zu sagen: Dieses Unrecht darf nicht normal werden.
Dass ich heute im Integrationsausschuss der Stadt Kerpen sitzen darf, ist für mich mehr als nur ein politisches Amt. Es ist ein Zeichen. Ein Zeichen dafür, dass Teilhabe möglich ist. Aber auch, dass Integration keine Einbahnstraße ist. Dass Geflüchtete nicht nur Hilfe brauchen, sondern auch Verantwortung übernehmen wollen.
Ich trage die Ukraine in meinem Herzen – jeden Tag. Und gleichzeitig bin ich heute Teil dieser Stadt. Diese beiden Dinge schließen sich nicht aus.
Ich wünsche mir eine Zukunft, ich der ich eines Tages sagen kann: Der Krieg ist vorbei. Die Ukraine lebt in Fireden. Und ich selber habe diese Zeit nicht nur überlebt- ich habe sie genutzt um Brücken zu bauen.
Liebe Freundinnen und Freunde,
Heute, an diesem vierten Jahrestag, erinnern wir an die Opfer. Wir trauern. Aber wir geben die Hoffnung nicht auf.
Denn Hoffnung wächst dort, wo Menschen füreinander einstehen – im Mitgefühl, im Gebet, in der Menschlichkeit.
Solange wir zusammenstehen, hat die Zukunft eine Chance.
Diese Rede wurde mit Erlaubnis von Vira Smetanina veröffentlicht.