Lebensrettende Sofortmaßnahmen geschlechtergerecht gestalten

Alessa Flohe

Anfrage zum Ausschuss für Soziales und Gleichstellung

Lebensrettende Sofortmaßnahmen geschlechtergerecht gestalten – Einsatz weiblicher Reanimationspuppen in Erste-Hilfe-Kursen in Kerpen

I. Sachverhalt und Hintergrund

Herzkreislaufstillstand ist einer der häufigsten medizinischen Notfälle überhaupt. Laut Statistik des Deutschen Reanimationsregisters erleiden täglich rund 370 Menschen in Deutschland einen plötzlichen Herz-Kreislauf-Stillstand außerhalb einer klinischen Einrichtung. Schnelle Laienhilfe kann dabei über Leben und Tod entscheiden – mit jeder Minute ohne Reanimation sinkt die Überlebenschance um bis zu zehn Prozent.

Internationale Studien zeigen jedoch, dass Frauen und Männer bei einem Herzstillstand nicht gleichbehandelt werden: Frauen erhalten in der Öffentlichkeit deutlich seltener Laienreanimation als Männer. Dies ist keine Seltenheit, sondern statistisch belegt.

II. Studien- und Datenlage

Ein kanadisches Forscherteam untersuchte rund 40.000 Fälle von Herzstillstand in den USA und Kanada aus dem Zeitraum 2005 bis 2015, die sich jeweils außerhalb von Krankenhäusern ereigneten. Das Ergebnis: In über 60 Prozent der Fälle leisteten anwesende Personen Erste Hilfe durch Herzdruckmassage. Dabei erhielten Männer mit einer Wahrscheinlichkeit von 68 Prozent eine Reanimation durch Ersthelfer, Frauen jedoch nur zu 61 Prozent (zitiert nach Hoffman & Senf, 2025)). Andere Untersuchungen kamen zu ähnlichen Ergebnissen.

Die Forscher identifizierten zwei zentrale Ursachen für dieses Gefälle:

  1. Angst vor unangemessener Berührung und Schamgefühl: Laienhelfer – insbesondere Männer – zögern bei der Reanimation weiblicher Personen, da sie befürchten, durch Thoraxkompressionen oder das Entblößen des Brustbereichs zur Anlage von Defibrillator-Pads als „übergriffig“ wahrgenommen zu werden.
  2. Mangelndes Training an weiblichen Körpern: Die meisten Reanimationspuppen in Erste-Hilfe-Kursen sind geschlechtsneutral oder bilden einen männlichen Körper ab. Dieser Umstand führt dazu, dass Laienhelfer weniger Routine und Sicherheit darin haben, Wiederbelebungsmaßnahmen an Frauen durchzuführen (vgl. erler-zimmer.de, 2024; Malteser Deutschland, 2025).

Eine britische Umfrage (zitiert nach Hoffman & Senf, 2025) ergab, dass rund ein Drittel der Befragten Angst davor hatte, eine Frau in der Öffentlichkeit zu reanimieren. Dr. Christina Heßling, Referentin Ausbildung bei den Maltesern, bestätigt, dass diese Ergebnisse auch auf Deutschland übertragbar sind: „Es gibt auch bei uns eine gewisse Angst, Frauen auf der Straße zu entblößen – gerade unter Männern. Das kann dazu führen, dass Frauen seltener wiederbelebt werden.“ (Malteser Deutschland, 2025).

Eine Studie mit 69 Versuchspersonen (Psychologen und Anästhesisten), die im bei Gyn-Depesche veröffentlicht wurde, belegte experimentell, dass Ersthelfer bei der weiblichen Reanimationspuppe signifikant weniger Kleidung entfernten als bei der männlichen – ein Indikator für tatsächlich auftretende Hemmungen in der Praxis.

Auch das Ministerium für Wissenschaft und Gesundheit des Landes Rheinland-Pfalz stellt fest, dass „in der Öffentlichkeit bei Frauen seltener Reanimationsversuche unternommen werden als bei Männern“ (MWG RLP, 2024).

Lösungsansätze existieren: Weibliche Reanimationspuppen – sogenannte „Practi-Woman“ oder vergleichbare Modelle – sind auf dem Markt erhältlich. Einige Anbieter ermöglichen sogar die Umrüstung vorhandener männlicher Puppen durch eine weibliche Brusthaut für vergleichsweise geringe Kosten. Der Einsatz solcher Modelle kann nachweislich Hemmungen abbauen und die Wiederbelebungsrate bei Frauen erhöhen.

III. Anfrage

Vor diesem Hintergrund fragen wir die Verwaltung der Stadt Kerpen:

  1. Ist der Stadt Kerpen bekannt, dass Erste-Hilfe-Kurse in Kerpen überwiegend oder ausschließlich mit männlich gestalteten Reanimationspuppen arbeiten? Liegen der Verwaltung hierzu Erkenntnisse aus Gesprächen mit Kursanbietern (DRK, Malteser, Johanniter, ASB, ADAC u. a.) vor?
  2. Werden in Kerpen aktuell Erste-Hilfe-Kurse angeboten, in denen auch weibliche Reanimationspuppen oder entsprechend modifizierte Trainingsmodelle eingesetzt werden? Wenn ja: von welchen Trägern und in welchem Umfang?
  3. Gibt es in Kerpen oder im Rhein-Erft-Kreis spezifische Erste-Hilfe-Angebote, die gezielt auf die Besonderheiten der Reanimation an weiblichen Körpern eingehen – etwa durch besondere Sensibilisierung für typische Hemmungen, spezifische Übungssequenzen oder genderkompetente Kursinhalte?
  4. Welche Möglichkeiten sieht die Stadt Kerpen, über die Gleichstellungsbeauftragte oder das Gleichstellungsnetzwerk im Rhein-Erft-Kreis auf die lokalen Erste-Hilfe-Kursanbieter einzuwirken, um den Einsatz weiblicher Trainingsmodelle zu fördern?
  5. Sieht die Verwaltung die Möglichkeit, bei der Vergabe von städtischen Fördermitteln oder bei der Unterstützung von Erste-Hilfe-Kursen für Schulen, Kindertageseinrichtungen oder sonstige städtische Einrichtungen zukünftig darauf hinzuwirken, dass auch weibliche Reanimationspuppen eingesetzt werden?
  6. Plant die Verwaltung, das Thema „Geschlechtergerechte Erste-Hilfe-Ausbildung“ in die Arbeit der Gleichstellungsbeauftragten oder des Gleichstellungsnetzwerks im Rhein-Erft-Kreis einzubringen, beispielsweise durch entsprechende Empfehlungen, Informationsveranstaltungen oder Öffentlichkeitsarbeit?

IV. Begründung

Gleichstellung bedeutet nicht allein gleiche Chancen im Berufsleben oder die Förderung von Frauen in Führungspositionen. Sie beginnt buchstäblich im Notfall. Wenn eine Frau auf der Straße zusammenbricht, sollte jede und jeder Ersthelfer in der Lage und bereit sein, ohne Zögern zu helfen. Studien zeigen, dass dies derzeit nicht selbstverständlich ist – und dass die Art und Weise, wie Erste-Hilfe-Kurse gestaltet sind, dazu beiträgt.

Es handelt sich dabei nicht um ein randständiges Problem: In Deutschland liegt die Laienreanimationsquote bei rund 55 Prozent – weit unter dem Niveau in Ländern wie Dänemark mit rund 80 Prozent. Wenn zusätzlich Frauen und Männer bei einem Herzstillstand ungleich behandelt werden, ist das eine konkrete Frage der gesundheitlichen Gleichstellung, die kommunalpolitisch adressiert werden kann und muss.

Die Stadt Kerpen hat mit ihrer Gleichstellungsbeauftragten und der Mitgliedschaft im Gleichstellungsnetzwerk Rhein-Erft Instrumente, die über reine Sensibilisierungsarbeit hinausgehen können. Wir sehen hier eine Chance, durch gezielte Empfehlungen an Kursanbieter und öffentliche Einrichtungen einen messbaren Beitrag zur Rettung von Menschenleben zu leisten.

Quellenhinweise

  • Deutsches Ärzteblatt (2026): Fernsehserien zeigen Reanimation oft falsch, https://www.aerzteblatt.de/news/fernsehserien-zeigen-reanimation-oft-falsch-d193e3c5-53f3-4c00-83da-110b30642fd5, abgerufen am 26. Juni 2026.
  • Erler-Zimmer GmbH (2024): Mit weiblichen Reanimationstrainern die Überlebensrate bei Herzstillstand von Frauen erhöhen. e https://erler-zimmer.de/blog/weibliche-Reanimationstrainer-2, abgerufen am 26. Juni 2026.
  • Gyn-Depesche: Reanimationen laufen bei Frauen anders. https://www.gyn-depesche.de/nachrichten/reanimationen-laufen-bei-frauen-anders1/ und https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/25447437/ abgerufen am 26. Juni 2026.
  • Hoffmann, P. & Senf, O. (2025): Frauen werden seltener von Ersthelfern wiederbelebt. https://www.praxis-hoffmann.net/frauen-werden-seltener-von-ersthelfern-wiederbelebt/, abgerufen am 24. Juni 2026.
  • Malteser Deutschland (2025): Erste Hilfe: Frauen werden seltener wiederbelebt. https://www.malteser.de/aware/hilfreich/erste-hilfe-frauen-werden-seltener-wiederbelebt.html, abgerufen am 26. Juni 2026.
  • Ministerium für Wissenschaft und Gesundheit Rheinland-Pfalz (2024): Laienreanimation. https://mwwg.rlp.de/themen/gesundheit/laienreanimation, abgerufen am 26. Juni 2026.
  • JRK Bayern (2024): Übersicht geeigneter Übungspuppen und AED-Trainer (Stand September 2024). https://jrk-bayern.de/sites/default/files/2024-10/Phantome und AED-Trainer für Bayerns Schulen.pdf, abgerufen am 26. Juni 2026.

Über den Autor

Alessa Flohe vertritt die Piratenpartei Kerpen seit 2020 im Stadtrat und ist zusätzlich sachkundige Bürgerin im Ausschuss für Gesundheit, Inklusion, Integration und Verbraucherschutz des Rhein-Erft-Kreises.

Sie ist ausgebildete Fachinformatikerin für Systemintegration, Wirtschaftsjuristin und als behördliche Datenschutz- und Informationssicherheitsbeauftragte bei einem kommunalen IT-Dienstleister angestellt. Ihre Themenschwerpunkte sind Digital- und Jugendpolitik.